Informationen
Equal Pay Day (Teil 1): Der männliche Alleinverdiener hat ausgedient

Marlies Brouwers, Vorsitzende des Deutschen Frauenrates eröffnet den Equal Pay Day 2011 am Brandenburger Tor, Foto: Deutscher Frauenrat
Immer mehr Frauen in Deutschland ernähren ihre Familien. Und doch hält sich die Vorstellung vom männlichen Familienernährer und der weiblichen Zuverdienerin hartnäckig. Für den Abschied längst überkommener Rollenklischees, die in diesem Jahr im Zentrum des bundesweiten Equal Pay Day stehen, braucht es nicht nur einen gesellschaftlichen Sinneswandel.
Nicht von ungefähr: Altersarmut von Frauen
„Mannsbilder? Weibsbilder? Neue Bilder!“ - so lautet in diesem Jahr das zentrale Motto des Aktionsbündnisses zum Equal Pay Day, dem auch der Deutsche Frauenrat angehört. Der Zusammenschluss ist überzeugt, dass der Entgeltunterschied zwischen Frauen und Männern zu einem großen Teil auf die tradierte Rollenverteilung in Partnerschaften zurück zu führen ist. Denn obwohl Frauen in den letzten Jahren in Sachen Bildung enorm aufgeholt haben, verdienen sie noch immer durchschnittlich 23 Prozent weniger als Männer. Betrachtet man die Einkommensunterschiede über den gesamten Lebensverlauf, erhöht sich die Einkommenslücke sogar auf 58 Prozent. Nicht von ungefähr sind Frauen deshalb am Ende ihres Erwerbslebens mehr als Männer von Altersarmut betroffen.
ADS-Leiterin Lüders: Gender Pay Gap bei den Wurzeln packen
Um das zu ändern, muss das Übel an den Wurzeln gepackt werden, ist Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, überzeugt. Sie macht die ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit, die höhere Teilzeitquote von Frauen, den hohen Frauenanteil im Niedriglohnbereich, der fehlende Zugang von Frauen zu Führungspositionen sowie die ungleiche Verteilung familiärer Lasten für die geschlechtsspezifische Einkommenskluft, den Gender Pay Gap, verantwortlich.
Frauenunion der CDU: Gender Pay Gap folgenreich für gesamte Familie
Auch die Frauenunion (FU) der CDU Deutschlands sieht die Lohndiskriminierung von Frauen mit großer Sorge: "Ob als Alleinerziehende oder in der Konstellation, in der der Mann nicht erwerbstätig ist: 18 Prozent aller Frauen müssen ihre Familien mit einem oft niedrigeren Fraueneinkommen versorgen", erklärt Maria Böhmer, Vorsitzende der Frauenunion. Der Gender Pay Gap von 23 Prozent habe demzufolge erhebliche Auswirkungen auf die Familien.
Zwar entsprächen die traditionellen Rollenbilder längst nicht mehr der Realität, stellt Böhmer klar. Gleichwohl würde die bestehende Rollenverteilung die Familienernährerinnen einer Doppelbelastung von Einkommenssicherung und Fürsorge für die Familie aussetzen. Um das zu ändern, hält die FU-Vorsitzende vor allem flächendeckende Angebote von "qualitativ hochwertigen Kinderbetreuungseinrichtungen und die Unterstützung von Frauen beim Wiedereinstieg in den Beruf" für notwendig.
kfd: Geschlechtsneutrale Gehaltsstrukturen umsetzen
Auch die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) sieht in der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen Schlüssel für eine partnerschaftliche Rollenverteilung und appelliert auch an die Unternehmen. Um die gerechte Teilung der Erwerbs- und Familienarbeit zwischen Frauen und Männern möglich zu machen, sei der Ausbau flexibler und familienfreundlicher Arbeitszeiten erforderlich, so Ingrid Müller, Vorsitzende der „kfd-Berufstätige Frauen“. Müller fordert zudem von Unternehmen und Gewerkschaften eine einheitliche Bewertung von Frauen- und Männerarbeit und damit die Umsetzung geschlechtsneutraler Gehaltsstrukturen.
KDFB: Berufstätigkeit für eigenständige Existenzsicherung fundamental
Frauen den Wiedereinsteig in den Beruf erleichtern - das will der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) mit seinem Projekt „Einstieg, Umstieg, Aufstieg! Mit Mentoring zum Wiedereinstieg“, das der Verband gemeinsam mit dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) in den Regionen Essen, Osnabrück und München durchführt. Frauen, die nach familienbedingten Erwerbsunterbrechungen wieder in den Beruf zurückkehren möchten, werden dabei für sechs Monate von Unternehmerinnen begleitet. Diese unterstützen die Berufsrückkehrerinnen beim Aushandeln von Arbeitsplatzbedingungen und eigenen Entgeltvorstellungen. "Wir sehen eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen auf der Basis einer festen Berufstätigkeit als fundamental wichtig an und setzen uns deshalb für mehr Chancengerechtigkeit und Entgeltgleichheit ein", begründet KDFB-Präsidentin Ingrid Fischbach die Durchführung des Projektes.
Damit Silvester und Equal Pay Day bald auf einen Tag fallen
Vor allem Alleinerziehende hätten gute Gründe, am Equal Pay Day ihre roten Taschen auszupacken, sagte die Bundesvorsitzende vom Verband Alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV), Edith Schwab. „Sie sind zu 90 Prozent weiblich und werden obendrein durch das Steuerrecht benachteiligt." Damit in naher Zukunft Silvester und Equal Pay Day am gleichen Tag stattfinden, verlangt Schwab von der Politik „eine grundlegende Aufwertung von Frauenarbeit insbesondere in den Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsberufen, ein Gleichstellungsgesetz für die Privatwirtschaft, die Einführung von Geschlechterquoten, transparente Entgeltverfahren sowie endlich eine Individualbesteuerung statt des Ehegattensplittings."
Eine Stunde Hausarbeit kann eine Frau bis zu 500 Euro im Monat kosten
Dem Verband Berufstätiger Mütter (VBM) zufolge wird das niedrige Einkommen von Frauen von verschiedenen Faktoren beeinflusst. „In den Portemonnaies von berufstätigen Müttern potenzieren sich häufig drei Effekte", führt Silke Luinstra, Vorstandsvorsitzende des VBM, aus: erstens die ohnehin vorhandene Entgeltungleichheit und zweitens zusätzliche Einkommenseinbußen, weil Frauen häufig unter ihrem Qualifikationsniveau arbeiteten. Massiv reduziere aber auch die Hausarbeit das Einkommen, so Luinstra. Unter Hinweis auf eine Studie des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet die VBM-Vorsitzende vor: Eine Stunde Hausarbeit könne eine Frau bis zu 500 EUR im Monat kosten, weil diese Arbeit Zeit und Energie koste, die den Frauen nicht mehr für berufliches Engagement zur Verfügung stehe.
Gender Pay Gap fällt ländlichen Raum bis zu zehn Prozent höher aus
Auf dem Land fällt die geschlechtsspezifische Lohnlücke teilweise bis zu 10 Prozent höher aus als in der Stadt – für Bundesfrauenministerin Kristina Schröder (CDU) war diese Erkenntnis ein Grund, ein Projekt des LandFrauenverbands für Entgeltgleichheit in ländlichen Gegenden zu unterstützen. Der Grundsatz „'Gleiche Arbeit, gleicher Lohn' muss nicht nur für Frauen und Männer in den Städten gelten, er muss auch auf dem Land gelten", so Schröder.
Was sich genau hinter dem Projekt verbirgt, erläutert Hannelore Wörz, Vizepräsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes: "Wir werden in Zusammenarbeit mit dem Ministerium Multiplikatorinnen schulen, die Betriebe für familiengerechte Strukturen sensibilisieren, wir fördern Wirtschaftsexpertinnen in Gremien der regionalen Selbstverwaltung und der Berufsverbände. Und wir vertiefen den begonnenen Dialog Wissenschaft und Praxis, um vor dem Hintergrund regionaler Arbeits- und Ausbildungsmärkte Leitfäden für faire Berufs- und Einkommenschancen zu erstellen und der Politik, den Betrieben und Verbänden in die Hand zu geben."
Lesen Sie auch:
Equal Pay Day (Teil 2) - Opposition verlangt gesetzliche Regelungen
Erstellt am: Freitag 25. März 2011
Thema: Entgeltgleichheit,


