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Insbesondere Geld, gesellschaftliche Akzeptanz, Ungebundenheit und Macht sind auch heute noch so ungleich verteilt, dass wir schlechterdings nicht behaupten können, Frauen rivalisierten unter gleichen Bedingungen.

(Christine Bergmann, deutsche Politikerin, u.a. von 1998 bis 2002 Bundesfrauenministerin)

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Wenn die wüssten …

ex-MdB Christian Schenk

Christian Schenk, Foto: Burghard Lange

Im Gespräch mit FrauenRat: Christian Schenk, ex-MdB über Geschlechteridentitäten, Geschlechterrollen und sein Leben als Transmann


In der Wendezeit Jahren gründete „sie“ den Unabhängigen Frauenverband der DDR mit, war dessen Sprecherin und später BundestagsabgeordneteR. „Sie“ war eine der bekanntesten lesbenpolitischen Aktivistinnen und die erste, und wahrscheinlich bis heute einzige, über die im Abgeordnetenhandbuch zu lesen stand: „Lebt in lesbischer Partnerschaft.“ Seit 2006 lebt Christian – auch offiziell – als Mann und ist verheiratet.

FrauenRat: Chris, warum haben Sie den Geschlechtswechsel oder die Personenstandsänderung, wie es juristisch heißt, vollzogen?

Christian Schenk: Spätestens seit meiner Pubertät habe ich gewusst, dass das Mädchen- bzw. Frausein nicht mein Ding ist. Aber ich habe lange Zeit gedacht, dass ich mich mit diesem Missverhältnis zwischen mir und meinem Körper arrangieren könnte. Doch mit meiner ersten großen Liebe, Anfang zwanzig, wurde das sehr brüchig. Ich habe schon damals überlegt, ob ich diesen Schritt des öffentlichen Geschlechtswechsels gehen soll. Das wäre auch in der DDR möglich gewesen, aber ich hatte einfach niemanden, mit dem ich richtig darüber hätte reden können. Meine Mutter fiel aus, alle anderen auch. Und das war mein Hauptproblem. Als ich meine jetzige Frau kennenlernte, ging das zum ersten Mal. Sie hat mich verstanden. Allerdings war ich da schon nicht mehr im Bundestag. Denn als Abgeordnete hätte ich das nicht gemacht, schon um dieses Vorurteil nicht zu bedienen, dass alle Lesben sowieso Mannweiber sind.

Es gibt zahlreiche Menschen, die als biologische Frauen geboren werden und früher oder später feststellen, dass sie mit dem Mädchen- und Frausein nicht klar kommen. Doch die wenigsten vollziehen den Schritt der Namensänderung – oder noch schwerwiegender – den der Personenstandsänderung. Was hat Sie dazu bewogen?


Für mich war es letztlich das Verhältnis zum eigenen Körper. Das stimmte nicht für mich, und das wollte ich auch von außen anerkannt wissen. Wenn eine Frau sagt, ich spiele am liebsten Fußball, interessiere mich für Autos, schraube den ganzen Tag, dann ist das für mich überhaupt kein Beleg für eine männliche Identität. Das ist in unseren westlichen Gesellschaften zumindest heute alles möglich und kein Kriterium.

Sie sind Aktivist für die Anerkennung und Gleichstellung von trans- und intersexuellen Menschen, von allen, die in ihren geschlechtlichen und sexuellen Praktiken der Geschlechterdichotomie widersprechen. Ein Zwangssystem, wie Sie sagen, weil es behauptet, dass sich die Gattung Mensch in zwei Untermengen darstellt, die sich gegenseitig ausschließen: Männer und Frauen. Sie wehren sich gegen Heterosexualität als Norm. Dennoch haben Sie nicht nur das soziale Geschlecht, sondern auch das biologische geändert. Sind Sie damit nicht genau in die Falle dieser Zwangssysteme getappt?


Nein. Ich wurde ja nicht gezwungen, ein Mann zu sein, sondern habe mich frei für die Personenstandsänderung entschieden. Es gibt Transsexuelle, das sind Menschen, die sich in erster Linie mit ihrem Körper nicht arrangieren können. Die meisten ordnen sich eindeutig zu, als Mann oder Frau, also Transmann oder Transfrau und sind heterosexuell. Aber es gibt auch schwule Transmänner und lesbische Transfrauen. Transgender hingegen sind Menschen, die entweder dieses binäre System für sich ablehnen oder sich irgendwo dazwischen verorten. Ich bin dafür, dass diese gesamte Vielfalt geschlechtlicher Identitäten Anerkennung findet, dass man sich entsprechend ausdrücken kann mit einem geschlechtsuneindeutigen Vornamen, mit einem Vornamenswechsel, wie auch immer. Jede individuelle Entscheidung muss legitim sein. Ich selbst bin Mann und wollte als solcher anerkannt werden.

Und wie lebt es sich als Mann?


Anders [lacht]. Zum Teil anstrengender, zum Teil aber auch einfacher. Ich merke, dass diese ganzen Klischees, die wir früher in der Frauenbewegung formuliert haben – Männern wird eher zugehört, man hat auf der Straße mehr Platz, wird nicht anrempelt – irgendwie auch stimmen. Andererseits bekomme ich jetzt nie mehr den Vortritt beim Betreten eines Raumes oder beim Einsteigen in öffentliche Verkehrsmittel. Anstrengender ist, dass die Rollenerwartung an Männer stringenter ist als die an Frauen, also stark sein, cool sein, nicht so viel lachen, dass bestimmte Verhaltensmuster erwartet werden. Ich muss mich nicht an sie halten, aber ich nehme sie wahr, und auch, dass ich vielleicht als komischer Vogel angesehen werde, wenn ich ihnen nicht entspreche. Einkaufen ist dafür ein schönes Beispiel: Wer schleppt die Wasserkisten? Meine Frau ist dazu mindestens ebenso in der Lage wie ich, aber ich lasse das nicht zu, weil ich eben davor Angst habe, dass andere denken: Was ist das für ein Arsch. Denn mir geht es ja instinktiv auch so, wenn ich etwa Paare bei Ikea erlebe, wo sie die Pakete auf den Wagen hievt und er danebensteht, dass ich denke: Wie wäre es mal mit Anfassen? Aber dann denke ich auch: Vielleicht hat er einen Wirbelsäulenschaden oder was anderes, es kann so viele Gründe dafür geben, dass er das nicht macht. Natürlich kann er auch ein Macho sein, aber man weiß es nicht. […]


Lesen Sie das ganze Interview mit Christian Schenk im neuen FrauenRat 1/2010:
In Bewegung - Geschlechterverhältnisse
Die Ausgabe erscheint am 15. Februar.
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Erstellt am: Dienstag 09. Februar 2010

Thema: Geschlechterrollen, Geschlechtergerechtigkeit, Transgender,





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