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Angriff auf monokulturelle Zukunftsvisionen
Im Bereich Technologiepolitik und Forschung sind Frauen in den Entscheidungsgremien krass unterrepräsentiert. Dadurch werden zwei Ziele einer guten Politik verfehlt: Zum einen orientieren sich die entsprechenden Entscheidungen nicht an den Bedürfnissen der gesamten Bevölkerung, zum anderen gehen den Gremien wichtige Wissens- und Erfahrungspotenziale verloren. Der Deutsche Frauenrat diskutierte mit Bundestagsabgeordneten bei einem Parlamentarischen Frühstück, was die GesetzgeberInnen dagegen unternehmen sollen.


Referentin Prof. Barbara Schwarze links, daneben Dr.-Ing. Kira Stein (Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenrates) und Marlies Brouwers (Vorsitzende des Deutschen Frauenrates)
Technikforschung und -entwicklung müssen sich an der Vielfalt gesellschaftlicher Gruppen orientieren, um zukunftsfähig zu sein. So lautete die zentrale Botschaft im Einführungsvortrag von Barbara Schwarze, Professorin an der Fachhochschule Osnabrück und Vorsitzende des Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit Bielefeld.
Innovationshemmnisse
Das Gegenteil aber ist der Fall. Am Beispiel des öffentlichen Nahverkehrs machte die Referentin nicht nur deutlich, wie unterschiedlich die Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen an die Transportsysteme sind, beispielweise von Menschen mit und ohne Familienarbeit, wie häufig aber sie nicht erfüllt würden; sie zeigte am Beispiel Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn auch auf, mit welcher Ignoranz Technologieentwickler oft arbeiten. So bieten viele Volksschulen inzwischen Kurse für SeniorInnen an, in denen der erfolgreiche Umgang mit diesen Automaten geübt wird.

Diskutantinnen: MdB Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) links, MdB Marlene Rupprecht (SPD) rechts.
„Wer aber die große Mehrheit der Bevölkerung auf der ‚Bank‘ sitzen lässt, verschläft die Entwicklungen für eine Zukunft im demografischen Wandel,“ sagte Schwarze. Nicht von ungefähr werde das gesellschaftliche Innovationsklima in Deutschland durch die Bevölkerung deutlich schlechter bewertet als in vielen anderen Industrieländern.
Allein unter Männern
„Monokulturen in den Beratungsgremien unserer Hochtechnologiesektoren führen zu monokulturellen Zukunftsvisionen, Produkten und Dienstleistungen“, führte die Professorin der Fachhochschule Osnabrück weiter aus. Als Beispiel für eine solche Monokultur nannte sie die Nationale Plattform Elektromobilität, ein neues Gremium, das die Weichen für ein Verkehrssystem der Zukunft stellen soll. In seinem Lenkungskreis sitzen im wesentlichen Vertreter der großen Automobilhersteller, darunter eine Frau. Berücksichtigung unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen? Einbeziehung von Frauen aus Wissenschaft und Forschung? „Fehlanzeige“, so Schwarze.
Zuhörerinnen v.l.n.r.: Sieglinde Scheel (Deutscher Frauenrat), Gabriele Wrede (Deutscher Frauenrat), Dr. med. Dagmar-E. Dennin (Deutsche Frauenrat), Caren Marks (MdB, SPD)
Transparenz, Quoten, Zielvereinbarungen
Den knapp fünfzig anwesenden Bundestagsabgeordneten unterbreitete die Referentin folgende Vorschläge:
- Transparenz und Möglichkeiten der Beteiligung für gesellschaftliche Gruppen zu schaffen, u.a. über ein überarbeitetes Bundesgremienbesetzungsgesetz,
- Identifizierung und Benennung der wesentlichen Beratungsgremien, Beiräte und Kommissionen im Technologiesektor,
- Darlegung des Besetzungsverfahrens und der einsetzenden Einrichtung,
- Vereinbarung einer zweijährigen Berichtspflicht,
- Festlegung eines Quorums z.B. nach belgischem Vorbild (nicht mehr als zwei Drittel eines Beratungsgremiums dürfen gleichen Geschlechts sein),
- Entwicklung von Zielvereinbarungen für die zukünftige Besetzung mit qualifizierten Frauen für jedes der wichtigen Technologiegremien.
Kleine Anfrage an Bundesregierung
In der anschließenden Diskussion wurde der Vorschlag laut, mittels einer fraktionsübergreifenden Kleinen Anfrage die Bundesregierung aufzufordern, Auskunft darüber zu geben, welche Gremien es im genannten Bereich gibt, wie sie besetzt sind und wie die Besetzungsverfahren ablaufen. Der Vorschlag fand bei den Bundestagsabgeordneten unterschiedliche Resonanz; er soll nun in den einzelnen Fraktionen geprüft werden. Darüber hinaus forderten Abgeordnete von SPD, Grünen und der Linken, eine Quotierung von Gremien und die Vergabe von öffentlichen Mitteln für Technologieforschung und -entwicklung nach dem Prinzip des Gender Budgetings.
Der Deutsche Frauenrat will in weiteren Schritten das Gespräch mit den Bundestagsausschüssen für Wirtschaft und Technologie sowie Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung suchen.

Brigitte Zypries, Bundesjustizministerin a.D. und MdB
mit Dr.-Ing. Kira Stein (Deutscher Frauenrat)

V.l.n.r.: MdB Rita Pawelski (CDU), MdB Kerstin Lühmann, Prof. Barbara Schwarze, Marlies Brouwers (Vorsitzende des Deutschen Frauenrates)
Weitere Informationen:
Der Technik ein weibliches Gesicht geben
Das Forschungs- und Innovationspotenzial von Frauen wird vernachlässigt
Kommentar von Prof. Barbara Schwarze in:
FrauenRat 3/2010
Mehr Exzellenz – Frauen in der Forschung
Ohne Frauen fehlt der Technik was
Beschluss der Mitgliederversammlung 2008 des Deutschen Frauenrates zum Thema Inklusion von Frauen in Technikforschung und -entwicklung mit umfangreichem Forderungskatalog.
Erstellt am: Dienstag 22. Juni 2010
Thema: Technik, Forschung, Quote,



