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Wenn man den weiblichen Verstand schärft, indem man ihn bildet, ist Schluss mit dem blinden Gehorsam.

(Mary Wollstonecraft (1739-1797), englische Schriftstellerin, Philosophin und Frauenrechtlerin)

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„Medienbilder hinken der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinterher"

Prof. Dr. Margreth Lünenborg

Prof. Dr. Margreth Lünenborg, Foto: Ansgar Koch

Die Kommunikationswissenschaftlerin Margreth Lünenborg über Frauenbilder, Boulevard und Emanzipation in den Medien


"Männer handeln, Frauen kommen vor.“ So lautete das Fazit einer Studie, die Erich Küchenhoff 1975 vorlegte und die im damaligen Internationalen Jahr der Frau für Aufmerksamkeit, Unmut und Diskussionen sorgte. Untersuchungsgegenstand waren die „Darstellung der Frau und die Behandlung von Frauenfragen im Fernsehen“.  Ein Thema, das GeschlechterforscherInnen in den Kommunikationswissenschaften auch heute noch beschäftigt.

FrauenRat: Wie würden Sie heute, 35 Jahre und eine Kanzlerin später, die Darstellung von Frauen in den Medien beschreiben?

Margreth Lünenborg: Mit Vielfalt und Gebrochenheit. Denn das Spektrum an weiblichen Bildern, Rollen, Präsenzen hat sich stark erweitert: von einer beachtlichen Zahl an „Tatort“-Kommissarinnen bis hin zu Korrespondentinnen und Moderatorinnen von politischen Talkshows. Gleichzeitig gibt es viele triviale und stereotype Rollen. Medienbilder hinken immer der gesellschaftlichen Wirklichkeit hinterher.

Welchen Beitrag leisten Spitzenfrauen wie die Bundeskanzlerin zur Veränderung des Geschlechterrollendiskurses in den Medien?

Der Kanzlerbonus gilt gleichermaßen für die Kanzlerin. Sie hat die Sichtbarkeit von Frauen in den Nachrichten deutlich verändert, zumindest quantitativ. Aber dieser Anstieg beschränkt sich allein auf Merkel und wirkt sich nicht auf andere Frauen aus.  Das war der frappierendste Befund unserer Studie „Spitzenfrauen im Fokus der Medien“: Alle Bundesminister, bis auf einen, lagen im Bezug auf ihre Medienpräsenz im Ranking vor der ersten Ministerin. Das heißt, der Gender Bias, also ein geschlechtsbezogener Verzerrungseffekt, wirkt nach wie vor auf unsere – auch mediale – Wahrnehmung, vielleicht nicht intendiert, aber faktisch. Das fanden wir schon erschütternd, weil es so altbacken ist, aber leider immer noch stimmt.

Was haben die Spitzenfrauen also gebracht? Quantitativ mehr Sichtbarkeit ganz oben. Doch qualitativ sehe ich die Sache sehr verhalten. Etwa weil Angela Merkel sich von Anfang an und durchgängig entschieden hat, nicht als Frau an der Spitze zu agieren, sondern sich höchstgradig entgeschlechtlicht zu präsentieren. So hat sie sich dieses professionelle Frauen-Outfit angeeignet, das sie mit Hillary Clinton optisch sehr kompatibel macht. Da tritt ein ganz bestimmter Frauentyp offiziell in Erscheinung, der eine ganze starke Differenz zwischen sich als Chefin und als Frau legt.

Das Argument der Entgeschlechtlichung ist problematisch. Was heißt „als Frau“ agieren? Die Frauenbewegungen haben immer auch geschlechtliche Rollenzwänge bekämpft, Geschlechterrollen provoziert und verletzt und letztlich dadurch erweitert. Der Hosenanzug-Typ Merkel/Clinton ist heute ein anerkannter weiblicher Typus auf der politischen, der ökonomischen, der öffentlichen Bühne. Wo liegt also das Problem?

Für mich liegt es darin, dass Geschlechterfragen, Geschlechterverhältnisse, Biografien, Lebensentwürfen niemals thematisiert werden auf dieser Ebene. Dabei könnte es durchaus eine Strategie in der öffentlichen Kommunikation sein. Ségolène Royal in Frankreich hat diese ganz bewusst gewählt, wobei ich gar nicht sage, dass das besser oder schlechter war, aber definitiv anders. Sie hat auch die Pionierinnenrolle thematisiert, ohne damit Weiblichkeitsklischees zu bedienen, obwohl sie äußerlich sehr weiblich aufgetreten ist. Angela Merkel hat auf jeden Fall eine andere Rolle gewählt, nämlich eine, die der bislang durchgängig männlichen am nächsten kommt. Dennoch sind Veränderungen durch ihre Person und ihr Geschlecht auf der symbolischen Ebene zwangsläufig. Denn wenn Merkel eine Militärparade abnimmt oder enge Verbundenheit mit einem anderen Regierungschef ausdrücken will, kann sie das nur anders tun als das vorher etwa ein Schröder getan hat. Sie kann nicht Schultern klopfen, sie kann nicht strickjackenmäßige Männerfreundschaft demonstrieren, sie kann auch nicht über den Kasernenhof brüllen. Da muss sie andere körpersprachliche symbolische Repräsentationsmuster entwickeln, und das ist schon eine Veränderung in der Wahrnehmung von Macht.

Schulterklopfen kann Merkel inzwischen durchaus. Diese kumpelhaften Gesten, die sie inzwischen angenommen hat, wenn sie etwa bei Gruppenfoto, eine Stufe über ihren europäischen Amtskollegen stehend, diesen ganz demonstrativ von oben die Hände auf die Schultern legt; diese Gesten sind doch bemerkenswert, oder?

Ja, aber erinnern Sie sich doch einmal an Merkels legendären ersten Auslandsbesuch in Frankreich, da wurde sie von Jacques Chirac mit Handkuss empfangen, was definitiv nicht ihr Ding war. Das wollte sie auf keinen Fall ein zweites Mal erleben. Sie hat sich also andere Gesten angeeignet, um sich gegen eine Herabsetzung zur Wehr zu setzen, und das auch erfolgreich. 

Darin ist sie doch aber eine Pionierin! Denken Sie nur an die Art und Weise, wie sie seit geraumer Zeit ihre Hände über dem Solarplexus zusammenlegt, das hat etwas großartig Päpstliches!

Das ist doch eine furchtbar einstudierte Geste, die sie endlos wiederholt! Aber natürlich ist sie auch Pionierin, schon weil sie in einem Terrain unterwegs ist, in dem sich zumindest in Deutschland vorher keine bewegt hat.

In Ihrem Buch Politik auf dem Boulevard? wird der Wandel beschrieben, dem auch die politische Kommunikation unterworfen ist. Personalisierung, Privatisierung, Intimisierung oder Skandalisierung lauten die Schlagworte – kurz Boulevardisierung. Welche Folgen hat diese Entwicklung aus geschlechterpolitischer Perspektive?

Das Negative liegt auf der Hand und prägt den Diskurs im höchsten Grade: Verflachung und Trivialisierung der öffentlichen Diskurse, die die Aufmerksamkeit auf das Privatleben von politischen AkteurInnen fokussieren statt auf ihre Politik. Das ist der klassische kulturkritische Vorbehalt. Und er stimmt ja – auch. Aber: Die hochgradige Entgrenzung zwischen öffentlichen und privaten Räumen eröffnet auch andere Blicke auf die AkteurInnen und reißt manche Fassade ein. […]

Lesen Sie das ganze Interview mit Margreth Lünenborg, Professorin für Journalistik an der FU Berlin, im neuen FrauenRat 6/2009:
Öffnet externen Link in neuem FensterVielfältig gebrochen – Frauenbilder in den Medien 

 



 

Erstellt am: Montag 28. Dezember 2009

Thema: Medien, Medienpolitik, Geschlechterrollen,





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