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Brustkrebsmittel für Gesunde: Nutzen zweifelhaft
Als „sensationeller Durchbruch im Kampf gegen Brustkrebs“ und als „Anti-Brustkrebs-Versicherung“ wurde der im Juni von der Berliner Charité vorgestellte Östrogenhemmer Exemestan in der Boulevardpresse gefeiert. Doch die unabhängige VerbraucherInnenzeitschrift "Gute Pillen – Schlechte Pillen" warnt vor all zu großen Erwartungen – und mahnt zur Vorsicht: Die nur mäßig aussagekräftigen Krebssenkungsraten des angeblich auch zur Primärprävention geeigneten Mittels stünden nicht im Verhältnis zu den Nebenwirkungen des Aromatasehemmers.
Nebenwirkungen bei gesunden Frauen nicht vertretbar
Das Enzym Aromatase ist für die körpereigene Bildung des krebsfördernden Hormons Östrogen verantwortlich. Tatsächlich sind Aromatasehemmer geeignet, das Wiedererkrankungsrisiko von Frauen mit Brustkrebs, die bereits operiert wurden, zu senken. Dass sich aber, wie ein Berliner Oberarzt der Berliner Charité vor einigen Wochen verkündete, auch gesunde Frauen mit dem Aromatasehemmer vor Brustkrebs schützen könnten, ist nach Einschätzung von Gute Pillen – Schlechte Pillen nicht vertretbar. Bei der Primärprävention müssten auch Frauen, von denen die meisten nie an Brustkrebs erkranken werden, Medikamente einnehmen und mit den teilweise starken Nebenwirkungen leben.
Primärprävention: Tamoxifen in den USA zugelassen -
in Deutschland nicht
Die Vorbehalte der pharmakritischen VerbraucherInnenzeitschrift kommen nicht von ungefähr: So hätten Langzeitstudien zwar ergeben, dass das in den USA im Jahr 1998 zugelassene Antiöstrogen Tamoxifen die Ersterkrankungsrate bei Brustkrebs senken konnte. Für einige der gesunden 7.000 Frauen, die das Medikament zur Primärprävention verabreicht bekamen, hatte die Einnahme des Präparats jedoch schwer wiegende Folgen. "Insgesamt sind in der Tamoxifen-Gruppe doppelt so viele Frauen gestorben wie in der Vergleichsgruppe (25 gegenüber 11). Auch Gebärmutterkrebs, Thrombosen in den Venen und wahrscheinlich auch Schlaganfall waren häufiger", schreibt Gute Pillen – Schlechte Pillen. Auf dem deutschen Arzneimittelmarkt wurde das Medikament aufgrund seiner Nebenwirkungen zur Primärprävention bis heute nicht zugelassen.
Der Vergleich hinkt
Auch die aktuelle knapp dreijährige Studie zum Aromatasehemmer Exemestan konnte aus Sicht der Zeitschrift den Nutzen nicht hinreichend belegen. Selbst wenn die Krebsrate bei den behandelten Frauen über sechzig Jahre um 65 Prozent verringert werden konnte, sei zur Vorsicht bei der Deutung dieses Ergebnisses geraten: Der Vergleich hinke insofern, als mehr als hundert gesunde Frauen knapp drei Jahre den Risiken des Präparats ausgesetzt waren – wohlgemerkt um eine Krebserkrankung zu verhindern.
Beobachtungsdauer zu kurz
Darüber hinaus lasse die Studie aufgrund der kurzen Beobachtungsdauer noch keine aussagekräftigen Rückschlüsse zu, denn klar sei nicht, wie sich Exemestan langfristig auf die Lebensdauer auswirke, kritisiert Gute Pillen – Schlechte Pillen. Um Nutzen und Schaden glaubwürdig gegeneinander aufrechnen zu können, seien vielmehr weitere Studien zur Primärprävention mit Aromatasehemmern nötig.
Auch das Projekt Breast Cancer Action hält die Beobachtungsdauer der Exemestan-Studie für zu kurz. Auf seiner Website schreibt das Projekt: „Betrachtet man das Lebenszeitrisiko für Brustkrebs, sind drei Jahre ein zu kurzer Zeitrahmen, um daraus Informationen über eine anhaltende Schutzwirkung abzuleiten."
Studie von Pharmakonzern Pfizer mitfinanziert
Fakher Ismaeel, Oberarzt der Frauenklinik am Campus Virchow-Klinikum, hatte im Juni gegenüber der B.Z. Exemestan zum Riesenerfolg in der Krebsforschung erklärt. "Wir können sofort mit der Prophylaxe starten, brauchen nur noch die Zustimmung der Krankenkassen." Der Exemestan-Hersteller Pfizer hat die für den vermeintlichen Erfolg des Präparats sprechende Studie, auf die sich der Berliner Oberarzt bezieht, mitfinanziert.
Weitere Informationen:
Gute Pillen - Schlechte Pillen
Erstellt am: Sonntag 04. September 2011
Thema: Frauengesundheit, Brustkrebs



