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OECD: Arbeit muss sich wieder lohnen
Nach Einschätzung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sollte die Bundesregierung mehr Anreize für Arbeitslose mit Kindern schaffen, wieder eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen. Hohe Steuern und Sozialabgaben machten es hier zu Lande unattraktiv, einen gering bezahlten Arbeitsplatz anzunehmen, stellt die OECD in ihrer am 18. Februar in Paris und Berlin vorgelegten Studie fest.
In Deutschland bekommt ein Single mit durchschnittlichem Verdienst direkt nach Verlust des Arbeitsplatzes 60 Prozent seines/ihres Nettolohns aus Transferleistungen des Staates ersetzt. Damit rangiert Deutschland leicht über dem OECD-Schnitt (56 Prozent). Auch bei Alleinerziehenden und Familien mit zuvor nur einem/einer Erwerbstätigen liegt der Lohnersatz mit 70 Prozent bzw. 72 Prozent des letzten Nettoeinkommens (einschließlich Kindergeld) leicht über dem OECD-Schnitt (67 Prozent bzw. 66 Prozent).
GeringverdienerInnen ohne Kinder vergleichsweise schlecht abgesichert
Anders die Situation für GeringverdienerInnen: Hier liegt der deutsche Lohnersatz Kinderlosen von 59 Prozent im unteren Drittel der OECD-Länder (OECD-Durchschnitt: 66 Prozent). GeringverdienerInnen mit Kindern, die ihren Arbeitsplatz verlieren, sind dagegen im OECD-Vergleich immerhin durchschnittlich abgesichert. Vergleichsweise gut ist in Deutschland auch die Absicherung bei Paaren, wenn der/die andere Partner/in noch arbeitet, da anders als in einigen anderen Ländern der Verdienst des/der Partners/in nicht auf das Arbeitslosengeld (ALG I) angerechnet wird.
Mit dem jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss die Unterstützung für Langzeitarbeitslose in Deutschland neu berechnet werden. Doch wie gut ist diese Personengruppe in Deutschland im internationalen Vergleich abgesichert? Dieser Frage ist die OECD bei ihrer Vergleichsstudie ebenfalls nachgegangen: Auch bei Langzeitarbeitslosen sind Alleinstehende und kinderlose Paare im internationalen Vergleich schlechter gestellt als Alleinerziehende oder Familien mit Kindern: Ein Single mit Durchschnittsverdienst erhält nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit 36 Prozent seiner damaligen Netto-Bezüge an Transfers. Demgegenüber ein/e frühere/r Durchschnittsverdiener/in mit zwei Kindern und nicht erwerbstätigem Ehepartner/in nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit 63 Prozent seines ehemaligen Nettoeinkommens an Transfers. Das ist deutlich mehr als der OECD-Schnitt von 55 Prozent.
Ein/e Alleinerziehende/r mit zwei Kindern erhält unter gleichen Umständen 61 Prozent des letzten Verdienstes, im OECD-Schnitt sind es 49 Prozent. Hier werden in den Niederlanden, Dänemark und Australien die höchsten Transfers gewährt.
Während die Transfers für kinderlose Langzeitarbeitslose und Mehrverdienerhaushalte in der Folge der Hartz-Reformen deutlich zurückgegangen sind, mussten in den vergangen Jahren Alleinerziehende und erwerbslose Paare mit Kindern kaum Veränderungen bei den Lohnersatzraten hinnehmen. Trotzdem ist das Armutsrisiko von Alleinerziehenden bei Langzeitarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich sehr hoch. „Das sehr hohe Armutsrisiko der Alleinerziehenden in Deutschland ist vor allem die Folge einer ausgesprochen geringen Erwerbsbeteiligung", sagte OECD-Experte Herwig Immervoll bei der Präsentation der Studie.
Geringe Anreize zur Aufnahme einer existenzsichernden Beschäftigung
Ein Grund dafür ist, dass Anreize zur Arbeitsaufnahme vor allem auf geringfügige Beschäftigung konzentriert sind. Gleichzeitig unterliegen regulär beschäftigte Personen schon bei einem geringen Verdienst einer relativ hohen Steuer- und Abgabenbelastung. Nach wie vor fehlen in Deutschland für Langzeitarbeitslose vergleichsweise wenig finanzielle Anreize, eine gering bezahlte, aber immerhin existenzsichernde Beschäftigung anzunehmen.
So muss ein/e Alleinerziehende/r oder verheiratete/r AlleinverdienerIn mit zwei Kindern Einkommen von mehr als 60 Prozent des Durchschnittslohns erzielen, ehe das Nettoeinkommen merklich über dem liegt, was ihm/ihr an Sozialtransfers zusteht. Nicht berücksichtigt sind hierbei die Kosten für Kinderbetreuung sowie die Schwierigkeiten, in Deutschland überhaupt einen Betreuungsplatz zu in Anspruch nehmen zu können.
„Einige OECD-Länder schaffen es, eine relativ großzügige finanzielle Absicherung mit hohen finanziellen Anreizen zur Arbeitsaufnahme zu kombinieren", so Immervoll. Eine zielgerichtete finanzielle Unterstützung für existenzsichernde Erwerbseinkommen könnte in Deutschland wie auch in Irland die Anreize zur Aufnahme von nicht-geringfügiger Beschäftigung verstärken.
Förderung von Minijobs kürzen
Die OECD regt Strukturveränderungen bei den Zuverdienstmöglichkeiten an, damit diejenigen Menschen unterstützt würden, die sich über einen Job ihr finanzielles Auskommen sicherten. So könnten etwa die Freigrenzen bei Steuern und Sozialabgaben erhöht werden, damit den Betroffenen mehr Netto vom Brutto bleibe.
Alternativ schlägt die OECD vor, die Förderung an die Zahl der Arbeitsstunden zu koppeln. Im Gegenzug könne die Förderung von Minijobs und Beschäftigungen mit einem Einkommen bis zu 800 Euro im Monat gekürzt werden, sagte Experte Herwig Immervoll.
Weitere Informationen:
Material und Grafiken auf der deutschsprachigen Internetseite der OECD unter:
www.oecd.org/document/27/0,3343,de_34968570_34968795_39760219_1_1_1_1,00.html
Erstellt am: Montag 22. Februar 2010
Thema: Arbeit, Arbeitsmarkt, Alleinerziehende,



