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Selbst ist die Frau

Junge Frau vor Garküche

Junge Frau vor Garküche

Wie die chinesische Marktwirtschaft zur Wiederentdeckung von Geschlechterunterschieden und sozialer Differenzierung geführt hat.

Das beschreibt ein Beitrag von Christa Wichterich in der neuesten Ausgabe unserer Zeitschrift FrauenRat. Aus aktuellem Anlass - nur wenige Wochen vor der Eröffnung der Olympischen Spielen in Peking - widmet sich das Heft dem Reich der Mitte.

China - zwischen Marktwirtschaft und Menschenrechten: Welche Auswirkungen haben die rasanten ökonomischen und sozialen Veränderungen auf das Leben der Frauen dort, die, wie überall auf der Welt, nicht nur Leidtragende der Verhältnisse, sondern auch Initiatorinnen und Trägerinnen des Wandels, Mitgestalterinnen sind.

Leseprobe

Selbst ist die Frau

Wang Yu ist Taxifahrerin in Peking - eine von wenigen, denn auf siebzig Männer im Taxigeschäft kommt eine Frau. Wang Yu vollzog die Marktwende am eigenen Leibe. In den Neunzigerjahren war sie Fahrerin in einem Staatsbetrieb, hatte eine Werkswohnung, ihre Tochter war im Werkskinderhort, ihr Mann arbeitete in derselben Arbeitseinheit, die Familie aß in der Werkskantine, in der werkseigenen Gesundheitsstation bekam sie Medikamente. Dann gingen das Staatsunternehmen und mit ihm die werkseigene Rundumversorgung bankrott. Frau Wang wurde als erste entlassen.

Neue städtische Mittelschicht

Sie fackelte nicht lange, ging zu einem privaten Taxiunternehmen und machte den ersten Vertrag ihres Lebens: Sie mietet den Wagen jeden Monat für 5.000 Yuan (umgerechnet 500 Euro) und fährt auf eigene Rechnung. Mindestens zwölf Stunden  am Tag, um hundert Yuan (zehn Euro) Reinverdienst zu erzielen. Ihre Ehe ist in die Brüche gegangen, sie ist jetzt alleinerziehend. Zwischen den Taxifahrten bringt sie ihre Tochter in die Schule, holt sie ab, kocht ihr etwas und isst mit ihr. Ihr Leben ist eine einzige Hetze. Doch sie stöhnt nicht, sondern strahlt Härte gegen sich selbst und andere aus: „So lange das Geld reinkommt, mache ich so weiter,“ sagt sie und guckt, dass sie, wo immer der Pekinger Verkehr es erlaubt, die Kollegen überholt. Mit einem Monatseinkommen von rund 300 Euro gehört sie zur neuen städtischen Mittelschicht in China.

Alles was Genossen können, können Genossinnen auch 

Die 39-jährige Wang Yu ist noch mit dem Ideal der sozialistischen Geschlechtergleichheit aufgewachsen. „Alles was Genossen können, können Genossinnen auch“ hatte der große Führer verkündet. Geschlechterunterschiede wurden negiert und im Mao-Look neutralisiert. Reproduktionsaufgaben wurden in den Arbeitseinheiten erledigt, Frauen in die Stahlindustrie und in Werften geschickt, aber trotzdem die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nicht völlig umgekrempelt. Denn kein einziger Mann wurde zum Beispiel Kindergärtner.

Konkurrenz, neue Chancen, neue Diskriminierungen

Bei der großen Marktwende und dem Kollaps der Staatsbetriebe machten Frauen vierzig Prozent der Beschäftigten, aber sechzig Prozent der „Freigesetzten“ aus. Die Vierzigjährigen wurden „frühverrentet“, mit einer minimalen Abfindung und der Empfehlung, zurück an den Herd zu gehen. Wo die Arbeitsämter oder der Chinesische Frauenverband ihnen jedoch ein Wiederbeschäftigungsprogramm angedeihen ließen, wurden die Frauen als Hausangestellte oder für eine andere frauentypische Tätigkeit im boomenden Dienstleistungssektor umgeschult, gekoppelt mit der Botschaft: Schluss mit der Versorgungsmentalität! Selbst ist die Frau! [...]

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Erstellt am: Montag 16. Juni 2008

Thema: Internationale Frauenpolitik, Menschenrechte, Arbeit, Wirtschaft, Gleichstellungspolitik, Migration





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