zum Hauptmenü oder zum Inhalt springen.

Inhalt

Nachrichten

Internationale Filmindustrie

Asymmetrische Geschlechterverhältnisse auf der Leinwand

Filmplakat: im Vordergrund Hauptdarstellerin mit nackten Armen, tätowiert und mit Pistole, im Hintergrund ihr bekleideter Partner

Angelina Jolie zeigt viel Haut in "Wanted" (2008)
Foto: Ausschnitt aus Filmposter

Die erste weltweite Studie über weibliche Rollen im Unterhaltungsfilm bestätigt eine tief verankerte Diskriminierung und Stereotypisierung von Frauen und Mädchen in der internationalen Filmindustrie. Die vom „Geena Davis Institute on Gender in Media“ in Auftrag gegebene Untersuchung wertete erfolgreiche Kinofilme in den elf wichtigsten Filmnationen aus. Die Kurzfassung lautet: Frauen stehen einer erdrückenden Überzahl aktiver und erfolgreicher Männer gegenüber – und das häufig halbnackt oder nackt.

Zentrale Ergebnisse der Studie „Gender Bias without Borders“ (auf Deutsch etwa: Asymmetrische Geschlechterverhältnisse ohne Grenzen):

  • Durchschnittlich sind weniger als ein Drittel der Sprechrollen weiblich.
  • Es gibt kaum Frauen in Action- und Abenteuerfilmen. Weniger als ein Viertel der Sprechrollen in diesen Filmen sind weiblich besetzt.
  • Von 1.452 FilmemacherInnen mit einem identifizierbaren Geschlecht sind ein Fünftel weiblich. Frauen stellen 7 Prozent der Regisseurinnen, 19,7 Prozent der Drehbuchautorinnen und 22,7 Prozent der Produzentinnen.
  • Filme von Regisseurinnen und/oder Drehbuchautorinnen erreichen deutlich mehr Mädchen und Frauen als von Männern gedrehte und/oder geschriebene.
  • Die Sexualisierung weiblicher Rollen ist Standard: Mädchen und Frauen werden mehr als doppelt so oft wie Jungen und Männer aufreizend, halbnackt oder nackt gezeigt. Filme für ein jüngeres Publikum sind weniger sexualisiert als Filme für ein älteres Publikum.
  • Führungspositionen in Filmen werden fast komplett mit Männern besetzt, nur 13,9 Prozent der Verantwortlichen und 9,5 Prozent der bedeutenden PolitikerInnen sind Frauen.
  • In prestigeträchtigen Berufsfeldern kommen männliche Charaktere weit öfter vor als weibliche, zum Beispiel bei AnwältInnen und RichterInnen im Verhältnis 13:1, bei ProfessorInnen im Verhältnis 16:1 und bei MedizinerInnen im Verhältnis 5:1.

Überdurchschnittlich viel nackte Frauen in deutschen Filmen
Untersucht wurden im Rahmen der Studie auch zehn deutsche Filme. Bei ihnen lag der Anteil der weiblichen Sprechrollen zwischen 45 und 54,9 Prozent. Fast 40 Prozent der in diesen Produktionen auftretenden Frauen wurden fast oder vollständig nackt gezeigt. In der weltweiten Filmindustrie geschieht das durchschnittlich nur in knapp 25 Prozent der Fälle.

Medien stärker für Bewusstseinswandel einsetzen
„Fakt ist, dass Frauen in beinahe allen Sektoren weltweit ernsthaft unterrepräsentiert sind, nicht nur auf der Leinwand“, sagte Geena Davis, Gründerin und Vorsitzende des gleichnamigen Instituts für Gender in den Medien bei der Vorstellung der Studie am 22. September in New York. Da Medienbilder aber einen sehr starken Einfluss auf das Bewusstsein hätten, sollten sie besser für den mentalen Wandel genutzt werden. „Es gibt zwar wenige Vorstandsfrauen weltweit, aber in Filmen könnten viel mehr auftreten. Wie können wir Mädchen zu Karrieren im wissenschaftlichen und technologischen Bereich ermutigen? Wie können wir sie zum Beispiel für das Ingenieurwesen begeistern? Indem wir scharenweise Frauen casten, die in den Filmen in der Rolle von Wissenschaftlerinnen, Technologinnen, Politikerinnen, Juristinnen und anderen Fachberufen auftreten“, so Davis.

Beitrag zu Peking+20

Die Studie „Gender Bias without Borders“ wurde unterstützt von UN Women und der Rockefeller Stiftung und steht im Zusammenhang mit der Pekinger Aktionsplattform. Diese feiert im nächsten Jahr ihr 20-jähriges Bestehen und wird deshalb in all ihren Punkten weltweit erneut einer Auswertung (Peking+20) unterzogen. Das UN-Aktionsprogramm aus dem Jahr 1995 verlangt u.a. die „Förderung der ausgewogenen und nicht stereotypischen Darstellung von Frauen in den Medien“. Zwei Jahrzehnte später sind die Ergebnisse der Untersuchung "ein Weckruf, der zeigt, dass die weltweite Filmindustrie weiterhin einen weiten Weg vor sich hat“, sagte Phumzile Mlambo-Ngcuka, Direktorin von UN Women, anlässlich der Vorstellung der Studie. „Mit ihrem mächtigen Einfluss auf die Formung der Wahrnehmung eines großen Publikums“ hätten die Medien eine Schlüsselrolle in der Agenda zur Gleichstellung der Geschlechter und könnten sich nicht weitere zwanzig Jahre dieser Verantwortung entziehen.

Weitere Informationen:

Gender Bias without Borders. An Investigation of Female Characters in Popular Films across 11 Countries
(Die englische Zusammenfassung der Studie)

Deutsche Kurzfassung:
Diskriminierung gegen Frauen in der globalen Filmindustrie


AutorIn: Ulrike Helwerth

Erstellt am: Dienstag 23. September 2014

Thema: Rollenstereotype, Diskriminierung, Medien

Wir sollten die Begriffsverwirrung endlich richtigstellen: Frauen haben genug Arbeit. Was ihnen fehlt, ist bezahlte und qualitativ zumutbare Arbeit.

(Marieluise Beck, deutsche Politikerin, Mitgründerin der Grünen, Mitglied des Deutschen Bundestages, 2002-2005 Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend)