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Prostitution

Der Realität ins Auge sehen

Grafik: graue Regenschirme, darunter ein roter

Logo "Appell für Prostitution"
Foto: www.sexwork-deutschland.de

Die Bürgermeisterin der Stadt Bochum hat ihn unterzeichnet, die Berliner Diakonie-Chefin, die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl, außerdem Mitarbeiterinnen von Anlaufstellen für Prostituierte wie Hydra und Ban Ying, die Berliner Koordinations- und Beratungsstelle gegen Menschenhandel: den "Appell für Prostitution". Sie machen sich für die Stärkung der Rechte von Menschen in der Sexarbeit und für die Verbesserung ihrer Lebens- und Arbeitsbedingungen stark.

Der neu gegründete "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen" hat die Kampagne initiiert – als Reaktion auf den "Appell gegen Prostitution“, der während der laufenden Koalitonsverhandlungen medienwirksam in der Zeitschrift Emma inszeniert worden war.

„Alle reden über uns, aber niemand redet mit uns“
So heißt es auf der Website des im Oktober gegründeten Öffnet externen Link in neuem FensterBerufsverbands erotische und sexuelle Dienstleistungen. Damit ist auch schon auf den Punkt gebracht, was der Kern des Problems des "Appells gegen Prostitution" ist, gegen den sich der Berufsverband jetzt zur Wehr setzt: Er richtet sich gegen das seit 2002 gültige Prostitutionsgesetz, und das regelt bekanntlich die rechtliche Stellung von sexuellen Dienstleistungen, um die Situation von SexarbeiterInnen zu verbessern.

„Prostitution ist freiwillig“
Der „Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen" betont mit seinem Öffnet externen Link in neuem Fenster„Appell für Prostitution“: „Prostitution ist eine berufliche Tätigkeit, bei der sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt angeboten werden.“ Ein solches Geschäft beruhe auf Freiwilligkeit. „Gibt es keine Einwilligung zu sexuellen Handlungen, so handelt es sich nicht um Prostitution. Denn Sex gegen den Willen der Beteiligten ist Vergewaltigung“, stellen die Sexarbeiterinnen unmisverständlich klar.

Aufklärung statt Zwang
Ihr „Appell für Prostitution“ ist inzwischen von mehr als 800 Menschen unterzeichnet worden. Darin fordern die InitiatorInnen unter anderem die Beteiligung von SexarbeiterInnen bei politischen Entscheidungsprozessen, keine Ausweitung der Polizeibefugnisse und keine staatliche Überwachung sowie Aufklärung statt Zwang und Verbot.

Mehr Entrechtung befürchtet
Deutliche Kritik gegen die Initiatorinnen des EMMA-Appells kommt auch vom Öffnet externen Link in neuem FensterFeministischen Institut Hamburg. „Sie wollen mit ihrem Vorstoß das Verbrechen des Menschenhandels eindämmen und nehmen dabei billigend in Kauf, dass die Entrechtung und die Gefahr für die DienstleisterInnen erheblich zunehmen, wenn Sexarbeit nur noch in der Illegalität praktiziert werden kann“, kritisiert das Institut in einer Öffnet externen Link in neuem FensterStellungnahme.

„Menschenwürde ist zu achten“
Auch die Berliner Diakonie-Chefin Susanne Kahl-Passoth hat vor einem Verlagern der Prostitution in die Illegalität gewarnt und sich ausdrücklich gegen ein Verbot ausgesprochen. Die Gewinner wären vor allem Zuhälter und Menschenhändler, erklärte Kahl-Passoth. Die in dem Bereich arbeitenden Frauen seien der Gewalt und Ausbeutung dann schutzlos ausgeliefert, Gesundheitsvorsorge und Beratungsangebote stünden ihnen offiziell nicht zur Verfügung. Die Theologin plädiert dafür, Prostituierten ein „gesundes, angstfreies, selbstbestimmtes Leben in Sicherheit“ zu ermöglichen. „Ihre Menschenwürde ist zu achten.“

„Keine Chance mehr, Hilfe zu erhalten“
Für die Region Berlin-Brandenburg fürchtet die Diakonie-Chefin bei einem Verbot eine Zunahme von Clubs und Bordellen entlang der Grenze auf polnischer Seite. Opfer von Menschenhandel, die unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angelockt und zur Sexarbeit gezwungen werden, hätten dann „so gut wie keine Chance mehr, Hilfe zu erhalten“. Notwendig sei deshalb ein bundesweit gültiges Rahmenkonzept zur Umsetzung des Prostitutionsgesetzes sowie eine Erweiterung der Regeln über Hygienestandards und Arbeitsschutzmaßnahmen. „Das Betreiben eines Bordellbetriebes muss genehmigungspflichtig gemacht werden“, so Kahl-Passoth weiter. Frauen, die in dem Bereich arbeiten, sollten mindestens 21 Jahre alt sein. Da Menschenhandel eine Straftat sei, müssten Kunden, die zu Opfern von Menschenhandel gehen, bestraft werden können. „Das muss rigoroser verfolgt werden“, betonte die Berliner Diakonie-Chefin.

ProstitutionsgegnerInnen: Zwangsprostitution hat zugenommen
Bei den Koalitionsverhandlungen beraten SPD und CDU derzeit über Änderungen am Prostitutionsgesetz. Das Gesetz aus dem Jahr 2002 erkennt die Prostitution als Erwerbsarbeit an und stuft sie nicht mehr als sittenwidrig ein. KritikerInnen beklagen nun, dies habe zu einer Zunahme von Zwangsprostitution geführt. Zu den UnterstützerInnen der Emma-Kampagne zählt auch die evangelische Theologin Margot Käßmann.

Aufenthaltsrecht für Zwangsprostituierte
Die SPD-Frauenpolitikerin Eva Högl betonte im Deutschlandfunk, es sei sorgfältig zwischen Menschenhandel, Zwangsprostitution und legaler Prostitution zu trennen und plädierte ebenfalls für eine umfassende Reform des Prostitutionsgesetzes: „Wir wollen das Prostitutionsgesetz überarbeiten, mehr behördliche Kontrollen ermöglichen, und wir wollen vor allen Dingen mehr tun gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution, die Opfer besser schützen und vor allen Dingen auch die Täter wirksamer bestrafen“, kündigte die Bundestagsabgeordnete an. „Die Frauen, die Opfer von Menschenhandel und Zwangsprostitution sind, müssen ein Aufenthaltsrecht bekommen, und zwar unabhängig davon, ob sie mitwirken im Strafverfahren und eine Aussage machen.“

DF fordert differenzierte Lösungen
Angesichts der Koalitionsverhandlungen über Menschenhandel und Prostitution setzte sich auch der Deutsche Frauenrat auf seiner letzten Mitgliederversammlung intensiv und differenziert mit dem Themenkomplex Menschenhandel zum Zwecke der Arbeits- und sexuellen Ausbeutung, mit dem Schutz der Opfer dieser Verbrechen und mit der Lage von Prostituierten auseinander und formulierte zahlreiche Öffnet externen Link in neuem FensterForderungen.

Weitere Informationen:

Öffnet externen Link in neuem Fenster"Appell für ProstitutonÖffnet externen Link in neuem Fenster"

Öffnet externen Link in neuem FensterStellungnahme des Feministischen Instituts Hamburg


AutorIn: Diana Engel

Erstellt am: Dienstag 19. November 2013

Thema: Prostitution Zwangsprostitution

Frauenrecht ist nicht nur ein abstrakter Begriff; es ist vor allem eine persönliche Sache. Es geht dabei nicht nur um "uns", sondern ebenso um mich und um dich.

(Toni Morrison, amerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin)