zum Hauptmenü oder zum Inhalt springen.

Inhalt

Nachrichten

Kein Freibier und kein Freibrief für Freier

WM-Logo 2010

Am 11. Juni 2010 beginnt die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Mit einer „Rotlicht 2010“-Kampagne gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution wollen Frauen- und MenschenrechtsaktivistInnen aus der dortigen Region auf das Thema aufmerksam machen. Denn sie fürchten, dass diese Verbrechen während des internationalen Fußballfestes zunehmen werden. Rita Schäfer berichtet für unsere Zeitschrift FrauenRat über die Kampagne und ihre Hintergründe:

Zur Fußballweltmeisterschaft 2010 rechnen die Veranstalter mit über 450.000 Gästen aus aller Welt. Selbst wenn nur ein Teil der erwarteten Fans kommen wird, steht das Land am Kap vor großen Herausforderungen. Das betrifft insbesondere den Schutz vor Kriminalität. Schließlich ist Südafrika Spitzenreiter in den international vergleichenden Gewaltstatistiken. Dazu zählen Vergewaltigungen und häusliche Gewalt sowie der Frauen- und Mädchenhandel.


Plakat, alle Fotos: www.redlight2010campaign.org/

Offiziell ist die Prostitution in Südafrika verboten, genauso wie das Trinken von Alkohol auf öffentlichen Plätzen. Schon am Valentinstag 2010 verkündete Mandla Sidu, Sprecher der Gesundheitsbehörde der Provinz Gauteng: „Alkohol ist in den Fanparks nicht erlaubt. Aber du erhältst kostenlose Kondome und Informationen über HIV/AIDS.“ Damit folgte er der Premierministerin seiner Provinz, in deren Zentrum die Metropole Johannesburg liegt. Dort finden zahlreiche WM-Spiele statt. Nomvula Mokonyane, eine der vielen Frauen, die im neuen Südafrika inzwischen hohe politische Ämter besetzen, hatte bereits im Mai 2009 einen progressiven Umgang mit HIV/AIDS und der Sex-Arbeit verlangt. Sie befürwortete die Legalisierung der Prostitution, die seit der Apartheid in Südafrika als Straftat gilt. Obwohl die ANC-Regierung nach der politischen Wende 1994 umfassende Gesetzesnovellen verabschiedete, konnten weder Reformkräfte in der Regierungspartei noch die nationale Gender-Kommission oder Interessenverbände der Sex-Arbeiterinnen das Prostitutionsverbot zu Fall bringen.

So handelte sich auch Nomvula Mokonyane massive Kritik ein, als sie vorschlug, Prostituierte offiziell registrieren zu lassen. Sowohl christliche FundamentalistInnen als auch konservative VertreterInnen der Polizei und des Justizministeriums attackierten Mokonyane und warnten vor dem moralischen Verfall Südafrikas. Dabei ging es ihnen weniger um das Schicksal zahlloser Frauen und Mädchen, die sich aus wirtschaftlicher Not prostituieren müssen oder von Zuhältern auf den Straßenstrich gezwungen werden. Vielmehr inszenierten sich die Moralapostel als HüterInnen christlicher Werte, kultureller Traditionen und nationaler Tugenden. Bezeichnenderweise verurteilten sie die Prostitution als „unafrikanisch“, ohne ein Wort über die Ausbeutung und Gewalt durch Zuhälter, Schlepper und Freier zu verlieren.

Legalisierung: ja oder nein?

Der Meinungsstreit, ob die Legalisierung der Prostitution das Land am Kap in den Abgrund führt oder die Zwangsprostitution und das organisierte Verbrechen eindämmen kann, begann schon vor drei Jahren. Ende März 2007 hatte der damalige Polizeichef Jackie Selebi dem Parlament vorgeschlagen, die Prostitution während der WM 2010 durch Sonderregeln an bestimmten Orten zu erlauben. Zwar geriet Selebi wegen enger Beziehungen zu Kriminellen in Misskredit, dennoch wurde sein Vorschlag von einigen ANC-Politikern aufgegriffen. Im Januar 2008 forderte der Parlamentarier George Lekgetho die Legalisierung der Prostitution. Er meinte, freier Zugang zu käuflichem Sex würde die hohen Vergewaltigungsraten reduzieren. Das brachte viele Frauenrechtsorganisationen auf die Barrikaden.


Bewusstseinsbildung auf dem Land

Allerdings sind die Frauenrechtlerinnen keineswegs einer Meinung, wenn es um die Legalisierung geht. Während Interessenverbände der Sex-Arbeiterinnen wie die Sex Worker Education and Advocacy Task Force darin einen wichtigen Schritt gegen die Gewalt durch Zuhälter oder Freier und einen Beitrag gegen die Zwangsprostitution sehen, gehen andere Frauenorganisationen davon aus, dass die Entkriminalisierung keineswegs die Strukturprobleme reduzieren würde. Dazu zählt vor allem die geringe Verhandlungsmacht der Frauen und Mädchen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten müssen, weil sie keine anderen Einkommensmöglichkeiten haben oder von Kriminellen in Südafrika und von Schleppern aus den Nachbarländern zur Prostitution gezwungen werden.

Die Macht grenzübergreifend agierender krimineller Banden ist ein Erbe der Apartheid. Trotz aller Verbote florierte die Zwangsprostitution schwarzer Mädchen bereits im rassistischen Siedlerregime. Die Heuchelei weißer Minenbetreiber zeigte sich daran, dass sie zwar offiziell die Prostitution verurteilten, sie aber faktisch duldeten, um Ablenkung für ihre Arbeiter zu schaffen. Zu den oft gewalttätigen Freiern zählten insbesondere weiße Farmer und Polizisten, die systematisch die engen Rassenschranken und die Vorgaben der holländisch-reformierten Kirche missachteten.

HIV-Infektionen steigen

Zahllose Prostituierte haben bis heute keine Verhandlungsmacht, die meisten können nicht die Anwendung von Kondomen fordern. Außerdem zahlen etliche Freier mehr Geld, wenn sie keine Kondome benutzen müssen; schließlich gilt risikoreiches Sexualverhalten als besonders viril. Das nutzen Zuhälter und Schlepper aus, die ungeschützten Sex erzwingen. Deshalb sind Zwangsprostituierte besonders gefährdet, sich mit dem HI-Virus und mit Geschlechtskrankheiten zu infizieren. Oft haben sie keine Chance, Gesundheitsstationen aufzusuchen, um sich behandeln zu lassen.

Schätzungen zufolge sind 5,7 Millionen Menschen – fast zwanzig Prozent der Erwachsenen – in Südafrika HIV-positiv, wobei die Zahl der Infizierten und der AIDS-Toten täglich steigt. Obwohl die Regierung kürzlich ein neues HIV/AIDS-Programm verkündete, wird es noch lange dauern, bis die Stigmatisierungen der Infizierten und die gewaltgeprägten Virilitätsmuster überwunden sind. Davon sind vor allem Prostituierte betroffen – und zwar nicht nur während der WM.


Gesundheits-Check

Mit strafrechtlicher Verfolgung werden die Freier kaum rechnen müssen, weil die Polizei schon jetzt ihre begrenzten Kapazitäten auf Morde und Raubüberfälle konzentriert. Seit fast einem Jahr zirkuliert ein Diskussionspapier der Rechtsreformkommission zur Legalisierung der Prostitution, einen konkreten Gesetzesentwurf gibt es aber nicht. Nur den Plänen zur Kriminalisierung des Frauen- und Menschenhandels sind seit März dieses Jahres Taten gefolgt. Eine Studie des nationalen Forschungsrates zeigt die vielschichtigen Verbindungen des Menschen-, Waffen- und Drogenhandels auf. Nun haben politische EntscheidungsträgerInnen ein neues Gesetz zur strafrechtlichen Verfolgung von Schleppern formuliert. Ob diese dingfest gemacht werden, bleibt aber fraglich. Erst einmal steht der Schutz der Fans vor Kriminellen im Mittelpunkt.

Appell an Fans und WM-Touristen

Einige Frauennetzwerke, die grenzübergreifend arbeiten, wollen einerseits die Fans für die Probleme der Zwangsprostituierten sensibilisieren und andererseits Mädchen vor Schleppern bewahren. Mit der „Rotlicht 2010“-Kampagne warnen sie vor allem sozial marginalisierte Mädchen, nicht den Versprechungen von Bekannten zu glauben, weil viele mit Schleppern kooperieren. Ihre Opfer sind vor allem arme Teenager, die Haushalte von AIDS-Waisen leiten und keine Chance haben, zur Schule zu gehen. Solche Probleme geraten bei der schon jetzt verordneten Feierlaune meist aus dem Blick. Umso wichtiger ist es, dass Fans verantwortungsvoll handeln.

Dieser Beitrag ist der Ausgabe 3/2010 von FrauenRat entnommen. Das neue Heft erscheint am 15. Juni.

Weitere Informationen:

Öffnet externen Link in neuem FensterRedlight 2010-Campaign

Öffnet externen Link in neuem Fenster 

Mit einer bundesweiten Kampagne gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel sorgte der Deutsche Frauenrat bereits bei der letzten Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland für weltweite Aufmerksamkeit.
Alles über die Kampagne Abpfiff - Schluss mit Zwangprostitution können Sie in der Öffnet externen Link in neuem FensterDokumentation nachlesen (Download, PDF, 5 MB).


 

Erstellt am: Dienstag 08. Juni 2010

Thema: Menschenhandel, Zwangsprostitution

In der Theorie sind die Genossinnen schon gleichberechtigt, in der Praxis aber hängt der Philisterzopf den männlichen Genossen noch ebenso im Nacken wie dem ersten besten Spießbürger.

(Clara Zetkin, deutsche Sozialistin, Kommunistin, Frauenrechtlerin, 1857-1933)