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Arbeitszeit

30-Stunden-Woche ohne Entgeltausgleich ist keine Lösung

Holzverschaltung mit dem aufgesprühten Satz: 30 h sind genug!

Graffiti an einem Baustellenzaun
Foto: ginasanders/123rf.com

Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Frauen beträgt 30,8 Stunden, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) kürzlich ermittelte. Vor gut zwanzig Jahren lag sie noch bei 33,5 Stunden. Was aber bedeutet das für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, für die eigenständige Existenzsicherung und die Altersversorgung? Ein Kommentar von Hannelore Buls, Vorsitzende des Deutschen Frauenrates.

Von Hannelore Buls

Als ich diese Nachricht von der gesunkenen Wochenarbeitszeit von Frauen in der Zeitung las, war mein erster Impuls: Das haben wir doch schon lange gefordert – dreißig Stunden Wochenarbeitszeit bei einen Verdienst, der zum Leben ausreicht, eine Rente generiert, die oberhalb der Grundsicherung liegt, dabei ausreichend Chancen im Beruf bietet und die Vereinbarkeit mit Familienpflichten erlaubt. Doch leider sind wir davon noch weit entfernt. Fakt ist nur, dass, wie das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) in Wiesbaden ermittelte, die durchschnittlich wöchentliche Arbeitszeit von Frauen aktuell bei 30,8 Stunden liegt. Damit sank sie gegenüber 1994 um 2,7 Stunden. In derselben Zeit stieg die Teilzeitquote der erwerbstätigen Frauen von 40 auf 58 Prozent, während die der Männer von 6 auf 20 Prozent zunahm. Insgesamt ist also ein Trend zu kürzeren Arbeitszeiten festzustellen, dem jedoch die allgemeinen Arbeitszeitbestimmungen und Lohnregeln nicht folgen. Es ist immer noch Teilzeit, keine neue Normalarbeitszeit. Entsprechend geringer ist das Entgelt, oft schlägt dabei ein ungerechtfertigter zusätzlicher Teilzeitabschlag zu Buche – auch bei gleicher Arbeit. In diesem Jahr forderte der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Ingo Kramer, sogar die Ausweitung der zulässigen Arbeitszeiten pro Tag und pro Woche im Arbeitszeitgesetz. Wozu? Um das relative Entgelt noch weiter absenken zu können?

Kürzere Teilzeit – mehr Beschäftigte
Ein Trend ist in diesen Durchschnittszahlen besonders deutlich erkennbar: kürzere Teilzeitarbeit bei gleichzeitiger Zunahme der Anzahl von Arbeitsplätzen. Ein Faktor sind die inzwischen rund 7 Millionen geringfügig entlohnten Beschäftigungen (Minijobs), von denen 5 Millionen von Frauen ausgeübt werden. Das entspricht einem Viertel der etwa 20 Millionen weiblichen Beschäftigten. Die Arbeitszeit der Minijobs kann, nachdem der gesetzliche Mindestlohn auch für diese wirksam geworden ist, höchstens noch 53 Stunden im Monat oder 12,5 Wochenstunden betragen.

Traum von der eigenständigen Alterssicherung in Gefahr
Über die abgesenkte durchschnittliche Wochenarbeitszeit können wir uns also nur bedingt freuen. Allein der übermäßige Anteil der Minijobs bei Frauen macht deutlich, dass zumindest der Traum von der eigenständigen Alterssicherung in Gefahr bleibt. Immerhin liegt ihre durchschnittliche Verweildauer im Minijob bei acht Jahren. Zwar hat der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro bereits zu einer Anhebung des durchschnittlichen Gehaltsniveaus um 0,5 Prozent geführt, wie die Bundesbank vor kurzem meldete, aber das ist der Tatsache geschuldet, dass sehr viele Stundenlöhne vorher unter dieser Grenze lagen. So stiegen im ersten Quartal 2015 in Ostdeutschland die Löhne von ungelernten Beschäftigten um mehr als 9 Prozent, in der Gastronomie sogar um 12,6 Prozent, bei den Wachdiensten über 9 Prozent. Die Zahlen für einige Frauenbranchen, wie dem Friseurhandwerk, stehen noch aus, weil der Mindestlohn hier noch nicht wirksam geworden ist.

Stellen wir also fest: Bei Frauen trifft eine immer kürzere durchschnittliche Arbeitszeit an vielen Stellen auf Stundenlöhne, die langsam aus dem Dumpingbereich aufsteigen. Damit können wir nicht zufrieden sein. Die Forderung von Frauen nach einer 30-Stunden-Woche beinhaltet Entgeltgleichheit und eine der beruflichen Leistung entsprechende Bezahlung sowie den Abbau der Minijobregelungen.


AutorIn: Hannelore Buls

Erstellt am: Dienstag 25. August 2015

Thema: Arbeitszeit, Arbeitszeitmodelle, Teilzeit

Frauen werbt und wählt, jede Stimme zählt, jede Stimme wiegt, Frauenwille siegt.

(Elly Heus-Knapp, deutsche Politikerin, Sozialreformerin und die Gründerin des Müttergenesungswerks, 1891-1952. Wahlwerbung anlässlich des ersten Wahlgangs von Frauen am 19.1.1919)