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Politik / Themenübersicht / Allgemein

Sorgearbeit umverteilen

Thema "Bundestagswahl" | 18. Februar 2021

Wir stellen fest:

Frauen bringen im Durchschnitt täglich anderthalb Stunden mehr Zeit auf für Haushalt, Kinder und Angehörige als Männer. Der sogenannte Gender Care Gap, die Lücke in Bezug auf unbezahlte Sorge- und Hausarbeit zwischen den Geschlechtern, beträgt 52 Prozent, in Paarhaushalten mit Kindern sogar 83 Prozent. Der Gender Care Gap ist eng verbunden mit dem Gender Pay Gap: Je mehr Sorgearbeit Frauen übernehmen, desto weniger Zeit bleibt ihnen, ein auskömmliches eigenes Einkommen zu erwirtschaften.

Wir fordern:

Partnerschaftliche Arbeitsteilung fördern

Das Steuer- und Sozialrecht ist immer noch auf das Ernährermodell ausgerichtet. Deshalb herrscht in unserer Gesellschaft nach wie vor ein traditionelles Rollenverständnis, das vornehmlich Mädchen und Frauen die Verantwortung für die Sorgearbeit und Jungen und Männern für den Familienunterhalt zuschreibt. Selbst Paare, die sich Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich teilen wollen, sind wegen falscher Anreize dazu oft nicht in der Lage.

Damit beide Geschlechter in allen Lebenslagen Erwerbs- und Sorgearbeit verbinden können, müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die ermöglichen, Erwerbs- und Sorgearbeit partnerschaftlich über den Lebensverlauf hinweg zu teilen. Die Währungen hierfür sind Zeit, Geld und Infrastruktur. Familien benötigen daraus einen guten Mix. Dazu gehören u.a. eine bezahlte Pflegezeit und eine bedarfsgerechte Kinderbetreuung – auch für Schulkinder – damit insbesondere Mütter genug Zeit haben, um Geld zu verdienen. Gleichstellungsorientierte Familienpolitik muss deshalb mit passender Arbeitsmarkt-, Sozial- und Steuerpolitik einhergehen. Dazu gehört auch, dass der Personenkreis, der von dem Brückenteilzeitgesetz profitieren kann, ausgeweitet wird.

Vereinbarkeit bleibt auch in der Krise Aufgabe der gesamten Gesellschaft: Staatliche Maßnahmen im Umgang mit der Corona-Pandemie müssen die Lebenswirklichkeit von Müttern und pflegenden Frauen berücksichtigen, um Rückschritte in der Gleichstellung zu verhindern.

Vaterschaftsfreistellung nach Geburt eines Kindes

Für die Betreuung und Erziehung von Kindern übernehmen nach wie vor in erster Linie Frauen die Verantwortung. Um das zu ändern, fordert der DF eine bezahlte Freistellung für Väter und Co-Mütter bei der Geburt eines Kindes. Je früher Väter Verantwortung in der Kinderbetreuung übernehmen, desto eher werden sie auf Dauer zu aktiven Vätern. Das tut nicht nur den Kindern gut, sondern fördert auch eine gleichberechtigte Arbeitsteilung in Paarhaushalten. Das wiederum stärkt Frauen in ihrer Erwerbstätigkeit. Engagieren sich mehr Väter von Anfang an in der Familie, ist auch Arbeitgeber*innen bewusst: Nach der Geburt eines Kindes sind auch die Väter zunächst nicht verfügbar.

Der DF fordert, dass Väter und Co-Mütter mindestens zwei Wochen innerhalb der ersten 30 Tage nach der Geburt bezahlt der Arbeit fernbleiben können. Ein aktuelles Rechtsgutachten im Auftrag des DGB unterstützt diese Forderung: Die Bundesregierung muss eine Vaterschaftsfreistellung aufgrund der EU-Vereinbarkeitsrichtlinie einräumen, die deutsche Elterngeld-Regelung reicht nicht aus. Die Leistung soll wie das Elterngeld aus Steuermitteln finanziert werden.

Entgeltersatzleistung für Pflegende

In Folge tradierter Rollenzuschreibungen und geringerer Erwerbseinkommen pflegen häufiger Frauen als Männer ihre Angehörigen, wenn diese Unterstützung benötigen. Dafür geben Frauen oftmals ihre Berufstätigkeit ganz oder teilweise auf – mit negativen Konsequenzen für ihre berufliche Entwicklung und eigenständige Existenzsicherung bis ins Alter. Sowohl Männer als auch Frauen müssen die Möglichkeit haben, Verantwortung für pflegebedürftige Angehörige zu übernehmen, ohne dafür beruflich Nachteile zu erleiden. Voraussetzung dafür sind gesetzliche Regelungen, die Beschäftigten flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen, wie z.B. befristete Auszeiten vom Job oder vorübergehende Reduzierung der Wochenarbeitszeit. Der DF fordert darüber hinaus die Einführung einer Entgeltersatzleistung für Pflegezeiten, damit pflegende Frauen besser abgesichert sind und Männer ermutigt werden, ihre Angehörigen zu pflegen.

Gerechtes Sorge- und Unterhaltsrecht

In der Debatte um das Sorgerecht steht aktuell die Einführung eines automatischen gemeinsamen Sorgerechts für nicht miteinander verheiratete Eltern im Zentrum. Der DF lehnt eine solche Regelung ab. Eine gemeinsame Sorge der Eltern kann nur durch eine übereinstimmend abgegebene Sorgeerklärung oder durch eine Entscheidung des Familiengerichts entstehen. Darüber hinaus setzt sich der DF für eine differenzierte Bewertung des Wechselmodells ein: Es mag im Einzelfall eine gute Lösung sein. Als gesetzliches Leit- oder Standardmodell für alle Familien in Trennung ist es nicht geeignet.

Für das Unterhaltsrecht wird diskutiert, inwiefern ein erweiterter Umgang des Kindes mit dem getrenntlebenden Elternteil, in der Regel der Vater, eine Minderung des Kindesunterhalts rechtfertigt, und dies insbesondere in Zusammenhang mit dem Wechselmodell. Doch Alleinerziehende, zu 90 Prozent Frauen, sind oft auf den Kindesunterhalt angewiesen, weil das Unterhaltsrecht nach einer Trennung oder Scheidung verlangt, dass Geschiedene sich finanziell allein absichern. Das fällt vor allem den Müttern schwer, die in der zuvor geführten Partnerschaft die eigene Berufstätigkeit zugunsten der Kinderbetreuung reduziert haben. Bleibt dazu der Kindesunterhalt aus, kann auch der Unterhaltsvorschuss nicht verhindern, dass Einelternfamilien in Armut geraten.

In der Diskussion um das Unterhaltsrecht setzt sich der DF für ein Rechenmodell ein, das sowohl die entstehenden Mehrkosten eines erweiterten Umgangs oder Wechselmodells (z.B. doppelte Ausstattung und Miete von Kinderzimmern) als auch die jeweiligen Beiträge der Eltern zum Unterhalt des Kindes angemessen berücksichtigt. Nach einer Trennung oder Scheidung müssen die finanziellen Risiken gerecht zwischen den Eltern verteilt werden, um Armut in Einelternfamilien zu verhindern. Weiter fordert der DF eine Kindergrundsicherung, die unabhängig von der Lebensform der Eltern die Lebensgrundlage jedes Kindes sichert. Sie würde viele Konflikte lösen.

Sorgeberufe aufwerten

Wie bei der informellen Sorgearbeit gibt es auch bei der professionellen Sorgearbeit ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Ob als Kranken- oder Altenpflegerin, als Erzieherin, Sozialpädagogin oder Haushaltshilfe: Meistens sind es Frauen, die in diesen Berufen gesellschaftlich wertvolle Arbeit bei schlechter Vergütung leisten. Damit diese systemrelevanten Tätigkeiten ihrem gesellschaftlichen Wert entsprechend höher vergütet werden und sich die Arbeitsbedingungen dort verbessern, müssen Sorgeberufe aufgewertet werden. Notwendige Maßnahmen dafür sind ein angemessener gesetzlicher Mindestlohn, eine Tarifbindung, eine Neubewertung der einzelnen Tätigkeiten innerhalb der Berufe im Rahmen von Tarifverträgen und verbesserte Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten.

 

 

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