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Politik / Themenübersicht / Allgemein

Systemrelevant und (un)verzichtbar: Trägerinnen und Verliererinnen eines Systems

Thema "Corona" | 2. Juni 2020

Wir stellen fest:

 Un(ter)bezahlte „Heldinnen“

Seit Wochen sind es Frauen, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und erhöhtem Infektionsrisiko die Lasten der Corona-Krise tragen und als „Heldinnen“ im Supermarkt, in Pflegeheimen und Krankenhäusern oder als Erzieherin in der Notbetreuung und vielen anderen Bereichen gefeiert werden. Es sind vor allem Frauen (75 Prozent), die in den nun als systemrelevant und unverzichtbar geltenden Berufen arbeiten. Es sind auch vor allem Frauen (mehr als 50 Prozent), die einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen und dadurch beim Bezug von Lohnersatzleistungen häufig an oder unter die Bedürftigkeitsschwelle fallen. Die neuentdeckte gesellschaftliche Wertschätzung für ihre Tätigkeiten steht dabei in eklatantem Gegensatz zum niedrigen Lohnniveau in systemrelevanten Berufen und zum Ansinnen, den Mindestlohn nicht zu erhöhen oder gar absenken zu wollen. Auch zuhause tragen Frauen die größere Last: Durch geschlossene Schulen und Betreuungseinrichtungen bzw. eingeschränkten Betrieb dieser Einrichtungen sind viele gezwungen, ihre Erwerbstätigkeit (weiter) zu reduzieren oder ganz aufzugeben, weil Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger nicht (mehr) vereinbar sind. Erste Zahlen der Hans-Böckler-Stiftung zeigen, dass 27 Prozent der berufstätigen Mütter, besonders in Haushalten mit kleinen oder mittleren Einkommen, ihre oft ohnehin geringeren Erwerbsumfänge reduzieren, aber nur 16 Prozent der Väter. Viele Alleinerziehende, darunter lediglich 10 Prozent Männer, können Erwerbs- und Sorgearbeit nicht partnerschaftlich teilen und geraten dadurch in eine existenzgefährdende Lage.

Jobverluste ohne Kompensation

Jüngste Ergebnisse des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung belegen, dass Frauen in der Corona-Krise stärker von Arbeitsplatzverlusten betroffen sind. Das liegt nicht nur an ihrer ohnehin schlechteren Stellung auf dem Arbeitsmarkt (mehr Teilzeit, weniger Führungspositionen, schlechtere Bezahlung im Vergleich zu Männern), sondern auch daran, dass einzelne Wirtschaftszweige wie Gastgewerbe, Kunst, Kultur und Unterhaltung besonders unter den Auswirkungen der Krise leiden, Kurzarbeit anmelden oder gar Entlassungen vornehmen müssen. Hier sind mehrheitlich Frauen (geringfügig) beschäftigt und viele dieser (Mini-)Jobs brechen ohne Kompensation weg: Für ausschließlich geringfügig Beschäftigte (zu zwei Dritteln Frauen) greift das Kurzarbeitergeld nicht und es besteht kein Anspruch auf Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung. Damit fällt die oftmals einzige Einnahmequelle weg. Beziehen Frauen Kurzarbeitergeld, reicht es bei geringem Einkommen – insbesondere bei Verheirateten in der ungünstigen Steuerklasse V durch das Ehegattensplitting – kaum zur eigenständigen Existenzsicherung aus. Damit werden Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern verstärkt, denn die Beitragshöhe des Kurzarbeitergeldes orientiert sich am Nettoverdienst. Der Weg in Armut und/oder partnerschaftliche Abhängigkeit wird damit befördert und geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Folge verstärkt.

Was jetzt getan werden muss:

 Anerkennung durch faire Löhne

Corona erfordert, Frauen nicht nur in Krisenzeiten Respekt durch Beifall zu zollen, sondern ihnen auch in Zukunft die Wertschätzung entgegen zu bringen, die sie verdienen: Langfristig müssen Arbeitgeber und Politik für bessere Arbeitsbedingungen sorgen und höhere Löhne in systemtragenden Berufen zahlen, um den Wert der mehrheitlich von Frauen erbrachten Arbeitsleistung dauerhaft anzuerkennen – ob in der Pflege, im Einzelhandel oder in Bildungseinrichtungen. Kurzfristig kann eine monatliche Risikoprämie für die Dauer der Pandemie eine angemessene Anerkennung für die hohen gesundheitlichen Risiken sein, denen Arbeitnehmer*innen in diesen – nicht im Homeoffice leistbaren – Branchen ausgesetzt sind. Speziell Sorgeberufe lassen sich aufwerten, indem Tarifverträge in der Pflege für alle für allgemeinverbindlich erklärt werden, die Berufsprofile reformiert, für vollzeitschulische Ausbildungsgänge eine Ausbildungsvergütung bezahlt wird und breitflächig Aus- und Weiterbildung sowie Aufstiegsmöglichkeiten verbessert werden. Es ist längst überfällig, die Leistungen, die in Sorgeberufen erbracht werden, neu zu bewerten: Sie sind mit der Arbeit in männerdominierten Branchen hinsichtlich der Anforderungen und Belastungen oft vergleichbar und müssen deshalb auch entsprechend entlohnt werden. Eine einmalige Bonuszahlung bringt nicht den benötigten Systemwandel und entlastet die Politik und Tarifparteien nicht von langfristig wirksamen Maßnahmen.

Eigenständige Existenzsicherung sicherstellen – Frauenarmut verhindern

Insbesondere Frauen mit geringem Erwerbseinkommen brauchen jetzt starke finanzielle Unterstützungsmaßnahmen. Das gilt auch für all diejenigen, die durch Schließung von Betreuungseinrichtungen finanzielle Einbußen erleiden, weil sie unbezahlte Sorgearbeit zuhause übernehmen – dazu zählen nicht nur Eltern, sondern auch pflegende Angehörige. Da es coronabedingt zu Preissteigerungen in der Grundversorgung gekommen ist, unter anderem bei Lebensmitteln, kann die Anhebung der Leistungen der Grundsicherung eine Möglichkeit sein, den Kaufkraftverlust von Transferleistungen staatlich zu kompensieren. Damit Frauen langfristig eigenständig ihren Lebensunterhalt bestreiten können, müssen die politisch Verantwortlichen geschlechtsspezifische Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt mit geeigneten Investitionsmaßnahmen und besseren Rahmenbedingungen für eine partnerschaftliche Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit abbauen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Erwerbstätigkeit beider Eltern die beste Prävention gegen Kinderarmut ist. Frauen, die coronabedingt ihre Erwerbsarbeitszeit zugunsten familiärer Sorgearbeit reduzieren oder aufgeben, laufen Gefahr, langfristig in dieser Situation stecken zu bleiben – mit drastischen Folgen für Einkommen, Karrierechancen und Rentenansprüche. Geringfügige Beschäftigung muss in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung umgewandelt werden. Minijobs und steuerliche Fehlanreize, wie das Ehegattensplitting oder die Steuerklasse V, sind nicht krisensicher. Vielmehr machen sie Frauen bis ins hohe Alter von Ehe und Partnerschaft bzw. staatlichen Transferleistungen abhängig und gehören deshalb abgeschafft.

Wir fordern:

  • Risikoprämie für Arbeitnehmer*innen in systemrelevanten Berufen einführen sowie langfristig in faire Löhne und bessere Arbeitsbedingungen investieren
  • Sorgeberufe aufwerten, durch Zahlung von Ausbildungsvergütung und Abschaffung des Schulgeldes in den vollzeitschulischen Ausbildungsberufen, moderne Berufsbilder, eine bessere Bezahlung, sowie Verbesserung der Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten
  • Verdienstausfallentschädigung, die für alle greift, die durch Schließung von Kitas, Schulen und Tagespflegeeinrichtungen empfindliche Lohnausfällen haben
  • Ehegattensplitting abschaffen und Minijobs in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung überführen
  • Leistungen der Grundsicherung zur Kompensation von Preissteigerungen anheben
Geschlechtergerecht aus der Krise:

Teil 1: Für eine geschlechtergerechte Krisenpolitik

Teil 2: Finanzen fair verteilen – Für eine gerechte Konjunktur

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