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Politik / Themenübersicht / Allgemein

Frauenrechte auf die Agenda

Geschlechtergerechtes Gesundheitssystem

Thema "Bundestagswahl" | 18. Februar 2021

Wir stellen fest:

Frauen und Männer unterscheiden sich in Bezug auf Gesundheit und Krankheit. Geschlechtsspezifische Unterschiede ergeben sich u.a. bei der Wahrnehmung und Kommunikation von Symptomen, der Erkrankungshäufigkeit, im gesundheitsrelevanten Verhalten und bei der Inanspruchnahme von Versorgungsangeboten. Neben psychosozialen Faktoren spielen ebenso biologische Faktoren eine Rolle. Das Gesundheitssystem muss diese Unterschiede in den Blick nehmen und geschlechtsspezifischen Bedarfen und Fragen in der medizinischen Versorgung und Forschung gerecht werden.

Wir fordern:

Starke Geburtshilfe

Schwangerschaft und Geburt sind besondere Lebensphasen, in denen Frauen das Recht auf Unterstützung zusteht. Frauen müssen selbst entscheiden können, wo und wie sie ihr Kind zur Welt bringen möchten. Diese Wahlfreiheit ist in Deutschland vielerorts in Gefahr: Eine wohnortnahe Versorgung mit Hebammenleistungen und Geburtshilfe ist nicht flächendeckend vorhanden.

98 Prozent der Frauen entscheiden sich, ihr Kind in einer Klinik zur Welt zu bringen. Sie vertrauen auf gute medizinische und psychosoziale Betreuung. In vielen ländlichen Bereichen schließen jedoch immer mehr Kreißsäle und Geburtsstationen. Zudem betreuen Hebammen in Kreißsälen oftmals drei bis vier Gebärende gleichzeitig. Der DF fordert, dass Frauen während der Geburt durchgängig von einer Hebamme begleitet werden, am besten in einer 1:1-Betreuung. Es müssen Rahmenbedingungen und Anreize für Kliniken zur Förderung physiologischer Geburten – d.h. Geburten ohne bzw. mit möglichst geringer Intervention – geschaffen werden. Im Fokus müssen die Mutter und das Ungeborene/Neugeborene stehen und nicht die Vergütung.

Der DF fordert die Aufnahme von subjektiven Qualitätsparametern wie Präferenzen der Patientinnen, Lebensqualität, wahrgenommene Krankheitssymptome und Zufriedenheit in die Qualitätsberichte der Kliniken. Forschungsprojekte zur geburtshilflichen Versorgung, die von einem Qualitätsrahmen für die Mutter-Kind-Gesundheitsversorgung ausgehen, müssen gefördert werden. Die zunehmende Medikalisierung und Technisierung von Schwangerschaft und Geburt müssen von Politik, Medizin und Gesellschaft kritisch hinterfragt werden.

Sexuelle und reproduktive Rechte

Sexuelle und reproduktive Rechte sind Menschenrechte. Neben selbstbestimmter Familienplanung – also der Frage ob, wann und wie viele Kinder eine Frau bekommen möchte – gehören dazu weitere Aspekte wie Sexualaufklärung und uneingeschränkter Zugang zu Empfängnisverhütung.

Paragraf 219a des Strafgesetzbuches stellt die “Werbung” für den Abbruch der Schwangerschaft unter Strafe. Dieser Paragraf ist jedoch sehr weitreichend und stellt auch sachliche und fachliche (nicht werbende) öffentliche Information über legale Schwangerschaftsabbrüche durch Ärzt*innen unter Strafe. Daraus folgt ein erhebliches Problem für Ärzt*innen und Frauen. Der DF fordert die Abschaffung des §219a StGB und setzt sich für einen uneingeschränkten Zugang zu sachlichen Informationen über legale Schwangerschaftsabbrüche und das Recht auf Selbstbestimmung der Frau sowie freie Wahl des Arztes oder der Ärztin ein.

Viele Frauen in Deutschland können sich Verhütungsmittel aus finanziellen Gründen nicht leisten, greifen zu weniger zuverlässigen Methoden oder verzichten ganz auf Verhütung. Alle Frauen sollten auch nach dem vollendeten 22. Lebensjahr einen Zugang zu kostenlosen Verhütungsmitteln erhalten. Die Kosten müssen aus Steuerzuschüssen finanziert werden.

Verbesserungen für die Pflege

Mehr als drei Viertel des Pflegefachpersonals und mehr als zwei Drittel der pflegenden Angehörigen sind Frauen. Die Corona-Pandemie zeigt einmal mehr, welch gesellschaftlich wichtige Arbeit sie leisten und wie hoch die Belastungen in diesem Bereich sind. Pflegende Berufe müssen daher dringend attraktiver für (neue) Arbeitskräfte werden. Dies kann nur durch angemessene Löhne sowie bessere Qualifizierungs- und Aufstiegsmöglichkeiten gelingen. Damit informell pflegenden Frauen genug Zeit für eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit bleibt und Männer sich in einem größeren Umfang an der häuslichen Pflege beteiligen, müssen Kurzzeit- und Tagespflege sowie weitere wohnortnahe öffentliche Infrastrukturangebote ausgebaut werden. Außerdem muss eine Pflegezeit als Lohnersatzleistung ausgestaltet werden.

 Geschlechtersensible Gesundheitsversorgung und Forschung

Geschlechtsspezifische Daten zu allen gesundheitsrelevanten Bereichen bilden die Grundlage für differenzierte gesundheitspolitische Maßnahmen. So erwartet der DF in jeder Legislaturperiode eine Berichterstattung zur Frauengesundheit für Deutschland unter Mitwirkung einer Expert*innen-Kommission, die begleitend, beratend und empfehlend tätig sein soll. Geschlechtsspezifische Unterschiede bei Diagnostik und Therapie müssen besser erforscht und die Forschungsergebnisse in die Medizinausbildung und die Behandlungsleitlinien aufgenommen werden.

Geschlechtsspezifische Benachteiligungen zeigen sich bei der Arzneimittelforschung und -entwicklung sowie bei Therapieleitlinien. Obwohl bekannt ist, dass es erhebliche Geschlechtsunterschiede in der Wirkung von Arzneimitteln gibt, sind Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert und geschlechtsdifferenzierte Dosierungsangaben von Medikamenten fehlen. Dieser weitgehende Ausschluss von Frauen aus Studien birgt große Gefahren für deren medizinische Versorgung. Gleiches gilt für Kinder und Senior*innen. Bei allen Neu- und Nachzulassungen von Arzneimitteln sind zwingend geschlechtsspezifische Wirkstoff- und Nebenwirkungsprofile vorzulegen. Zudem müssen unterschiedliche Arzneimittelreaktionen bei Frauen und Männern in den Leitlinien für Diagnostik und Therapie verschiedener Krankheitsbilder aufgeführt werden. Nur so lassen sich Über- oder Unterdosierung, Fehleinsatz, mangelnde Wirksamkeit und unerwünschte Arzneimittelwirkungen vermeiden.

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